Ludwig Alemann

Ludwig Alemann (1468-1543)

Ludwig Alemann ist der Sohn des Mannes, auf den die von Alemann’sche Stiftung zurückgeht. So wie in unserer Familiengeschichte Dr. Jakob Alemann für die Vorzeit des Dreißigjährigen Krieges steht, so steht Ludwig Alemann für die Vorzeit der Reformation. Als Luther seine Thesen in Wittenberg anschlug, war er Bürgermeister. Als der Reformator 1524 in Magdeburg predigte und die neue Kirchenordnung mitsamt der neuen Konfession einführte, stand er in der zweiten Reihe und war – so behauptet die von uns benutzte Genealogie – Schultheiß.

Grabstein von Ludwig Alemann, früher an der Ulrichskriche, jetzt an der Wallonerkirche: „Anno domini 1543 & am Dinstage nach Nicolai des morgens zwischen [… u]nd 6 schlegen ist der erbar Lodwich Alman de older seliger in Inhaltsüberblickgot verstorben und war [75] Jahr [aus] Gots Gnaden der [::::en] Amen“
Inhaltsüberblick:

Kopernikus, Luther, die Päpste und der „Status“ der Erde
Der Kampf gegen den Ablass und die Reformation
Johann Fritzhans und die Reformation in Magdeburg
Tabelle: Bürgermeister in Ludwig Alemanns Amtszeit

Heinrich Alemann (1425-1506) und Katharina Keller waren Ludwig Alemanns Eltern. 1499 war Ludwig Ratsherr. 1505 – ein Jahr vor dem Tod seines Vaters – löste er diesen als Bürgermeister ab. Sein Cousin Hans Alemann – seit 1498 Nachfolger seines Vaters Heine – schied 1507 als Bürgermeister aus dem Oberalten Rat aus. Im Bürgermeistersextett der drei Räte war Ludwig danach der einzige Alemann. Ob Ludwig 1522 Schultheiß wurde (ZMA, H3 S.184, EvA S.89), lässt sich anhand der von Hertel veröffentlichten Liste nicht bestätigen, doch diese Liste ist unvollständig.

Über sein Leben ist uns wenig bekannt. Er lebte im Haus „Zum Goldenen Tempel“ (Breiter Weg 58), schräg gegenüber dem Haus „Zum Lindwurm“, einem alten Kaufmannshaus, das als eines der wenigen Häuser des 15. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert am Brei­ten Weg erhalten blieb, bis man es in den 20er Jahren in ein Kino verwandelte. Der „Lindwurm“ war ein solide gebautes, großzügig angelegtes Haus, das über Jahrhunderte vielen Zwecken diente. Ein Sohn, ebenfalls Ludwig (vor 1500-1575), ist uns durch die Genealogie überliefert, er wurde wie sein Vater Ratsherr und ab 1552 Schultheiß. Dessen Sohn – wiederum ein Ludwig (nach 1500- vor 1575) – starb in Lübeck, wo er ein Großgeschäft anlegen wollte (EvA, S. 110, ZMA. SH 3, S. 184, die Lebensdaten in unserer Genealogiedatenbank sind noch zu überarbeiten).

Neben dem Haus „zum Lindwurm“ auf der anderen Seite der Brüderstraße (später Große Schulstraße) lag das Franziskanerkloster, das im Verlauf der Reformation zum Sitz der Stadtschule wurde. Dieses Kloster wird uns im Folgenden noch beschäftigen, denn in der Zeit zwischen 1515 und 1524 hatten dessen Äbte wieder einmal große Probleme. Im Portrait zu Heine Alemann wurde schon von den Versuchen der katholischen Kirchenreform berichtet.

Damals, 1456 griffen die Mönche – vielleicht sogar gemeinsam mit ihrem Abt – zu den Waffen, als ein Klosterreformator zusammen mit Erzbischof, Ratsherren und Schöffen bei ihnen auftauchte, um sie anzuhalten, ihre alten Ordensregeln wieder einzuhalten (Asmus, S. 387; Wolter, S. 69+92). Knapp 50 Jahre später kam die reformatorische Unruhe unmittelbar aus dem „Inneren“, aus den Reihen der Mönche. Es ging nicht mehr um die Rückkehr zu alten Regeln, sondern um ein neues Gottes- und Menschenbild und um Formen des Gottesdienstes, die diesem neuen Bild entsprechen. Doch so einfach stellte sich die Sache für die Zeitgenossen nicht dar, denn für sie ging es eher darum, das Verfälschte durch das Richtige zu ersetzen.

Kopernikus, Luther, die Päpste und der „Status“ der Erde

Das junge 16. Jahrhundert ging mit vielen neuen Ideen schwanger. Das Buch des Kopernikus über die Kreisbewegungen der Himmelskörper (de revo­lu­­tionibus orbium coelestium) erschien erst 1543 – in Ludwigs Todesjahr. Seine Grundidee hatte Kopernikus in Gelehrtenkreisen aber schon seit Jahrzehnten verbreitet. Er bewies mit Hilfe von Mathematik und Geometrie, dass die Erde nicht im Zentrum der Schöpfung steht, dass sie vielmehr nur einer von vielen Sterne ist, die auf den Himmelssphären ihre natürlichen Kreisbahnen ziehen. Er zersetzte damit ungewollt Vorstellungen von Ruhe und Beständigkeit in einer Menschenwelt, die Zentrum und Sinn der göttlichen Schöpfung sein will.

Kopernikus ahnte diese Wirkung und verzögerte die Veröffentlichung seiner Ideen. Bis sein Werk endlich in den Druck gegeben werden konnte, ruhte es „viermal neun Jahre“ in der Kammer des Autors, wie Kopernikus in einer Widmung an Papst Paul III anmerkte. Das Werk entstand also schon 1507, in dem Jahr, als Ludwig Alemann das Bürger­meisteramt antrat.

Die von Rethikus und Osiander besorgte erste Ausgabe des Werkes von Nikolai Kopernikus

Das Buch über die Kreisbewegungen der Himmelskörper erschien in Nürnberg unter der Leitung des Koper­nikusschülers Joachim Rhetikus, der die Aufsicht über den Druck aber an Andreas Osian­der abgab.

Osiander war protestanti­scher Prediger an der Nürnberger Lorenzkirche und ein sehr gebildeter Mann, überzeugt davon, dass nur Gott die Wahrheit kennt, dass alles Menschenwerk hypothetisch bleibt. Nicht nur Luther und Melanchthon zu Liebe, die beide die neue Sicht des Universums ablehnten, sondern aus eigener Überzeugung gab Osiander dem Werk ein anonymes Vorwort bei­, das dessen Inhalt als hypothetische Spekulation beschrieb. Hierzu strich er „eine theologische Abhandlung des Rheticus über die Verträglichkeit des heliozentrischen Systems mit der Heiligen Schrift“ (wikipedia). Kopernikus konnte hieran nichts ändern, denn er war schwer erkrankt und starb im gleichen Jahr (1543). Hans Blumenberg schildert diese Vorgänge sehr genau im 3. Teil seiner „Genesis der kopernikanischen Welt“.

Weder der Autor noch die Zeitgenossen dachten bei dem Wort „revolutio“ an eine Revolution, so wie wir sie heute ver­stehen. Sie dachten eher an Kreisläufe, an die innere Dynamik stabiler „Zustände“, an sich ewig wiederholende Bewegungen, an eine vorbestimmte Welt, die ganz in Gottes Hand liegt, in der die Erde der Kern des Universums zu sein hat. Man dachte noch aristotelisch. Man glaubte an eine unwandelbare, ewig „lebendige“ Substanz. Gott war gewissermaßen als Formbestimmer die Form, die der Materie Existenz und Leben gab, und das Leben war ein gottgegebener, vorgeformter Raum der Entfaltung und Vemischung von „Stoffen“ und „Geistern“ in der Gestalt von Existenzen.

Materie war seit den Vorsokratikern das Wechselspiel von Erde, Feuer, Wasser und Luft und darum herum als Quintessenz – als fünfter Grundstoff und als Sinngeber – der Himmel, an dessen kristallenen Gewölbe die Sterne befestigt waren. Umgeben von geisterähnlichen Sternen, wurde Materie im ptolemäischen Weltbild zu einem „Zentrum“, dass mit der Erde nahezu identisch war. Doch in der Astronomie, die damals unmittelbar immer auch Astrologie war, beobachteten die Forscher „engelsgleiche“ Himmelskörper in also die materiellen Eigenschaften der Sterne:

Das Ptolemäische Weltbild ist ein geozentrisches Weltbild, das von der aristotelischen Annahme ausgeht, dass Himmelskörper sich nur mit konstanter Geschwindigkeiten auf Kreisbahnen bewegen können. Es wurde von Claudius Ptolemäus (ca. 100–160 n. Chr.) ausgearbeitet. Sein Werk Mathematices syntaxeos biblia XIII schrieb dieses geozentrische Weltbild im europäischen Raum für fast 1500 Jahre fest. (wikipedia: Geozentrisches Weltbild)

An dieses Gesetz glaubte ach Kopernikus. Doch die Sternbeobachtungen zeigten Abweichungen, wo sich die Himmelskörper nicht immer an die reine Lehre zu halten schienen. Die Natur aber täte nichts Überflüssiges und Unnützes. Kopernikus wollte beweisen, dass die Bahnen der Sterne den einfachen Regeln der aristotelischen Physik gehorchen, dass in der Geometrie des Weltalls „geradlinige Bewegungen widernatürlich“ und „kreisförmige natürlich“, dass Sternenbahnen reine Kreise seien, die von keinen gradlinigen Impulsen gestört wurden.

„So gesehen kann die Bewegungslehre des Kopernikus nicht als modern bezeichnet werden“ (Fischers Weltgeschichte Band 12, S. 183).

Kopernikus behielt die Grundmechanismus des alten Modells bei. Neu war sein Vertrauen in eigene Messungen und Beobachtungen – und vor allem: in die Geometrie. Denn diese zwang ihn, den Körper im Zentrum des Systems auszutauschen.

Das geozentrische Weltbild wurde heliozentrisch. Rein mathematische Gründe verdrängten die Erde aus dem Zentrum des Universums. Es handelte sich um eine notwendige Korrektur, die dem alten System wieder Halt und Lebenskraft verleihen sollte. Neu war dabei der Mut, der Meinung der Kirche zu widersprechen. Aber das taten damals auf vielen Gebieten schon viele.

Viel wichtiger war daher das, was Osiander in Bezug auf das „neue“ Denken „ausstreichen“ wollte. Neu war der Anspruch, Wahrheiten gesetzmäßig zu formulieren in Lehrsätzen, die ganz ohne „Hypothesen“ auskommen. Man bezog sich direkt auf die Natur und die eigenen Sinne und versuchte, eigene Beobachtungen in Sätzen zu beschreiben, die Gesetze zu „Tatsachen“ machen. Naturgesetze repräsentieren dann eine Tatsache, die (als sprachlich-logische Konvention) aus sich heraus und an und für sich gilt. Diese Tatsache besagt, dass die Natur durch ein System von Gesetzen ausreichend oder gar vollständig beschrieben werden kann,, dass man dazu eigentlich keine Bibel braucht, jedenfalls keine Pfaffen, die vermittels der Bibel Naturgesetze leugnen. Dort wird auch berichtet, dass Osiander den Titel des Werkes änderte indem er das Wort mundi (Welt[körper]) durch coelisti (Himmel[skörper]) austauschte, um die direkte Assoziation mit dem Erdenleben zu verhindern. Osiander wollte die Gedanken des Kopernikus nur im Kontext des alten, rein theozentrischen Wahrheitsbegriffs (Gott ist alles) gelten lassen. Er wollte am alten Lehrsatz „Der Mensch ist (vor Gott) nichts“ unbedingt festhalten und ein antropozentrisches Weltbild weiterhin „verteufeln“.

Neu war vor allem anderen der Versuch, die Wissenschaften aus dem Jahrhunderte lang durchgestylten Baukasten der sieben freien Künste herauszulösen. Neu war der Versuch, Wissen und Wirklichkeit unmittelbar zu verbinden ohne Rückkopplung mit den Vorgaben von Theologen, Dogmatikern, Rhethorikern und Logikern. Man löste sich aus dem Kontext der vorgebebenen Wahrheit und aus der Aura der „Autoritäten“. Es ging um eine praktisch anwendbare Lehre, um logisch und empirisch nachvollziehbare Wahrheiten, die sich auf nur eigene Erfahrungen und Schlussfolgerungen, vor allem aber auf Messungen und Beobachtungen stützten.

Neu war das Bestreben, die Sicherheit einer Erkenntnis allein auf dem Boden der Mathematik und der Geo­metrie einerseits und der Empirie und der Erfahrung andererseits zu begründen. Diese rein menschliche Form der Wahrheit wollten bei­de Kirchen – die alt gewordene und die neu entstehende – nicht einfach so akzeptie­ren. Und Osiander hat daher mit seinem Vorwort dem Werk nur in Bezug auf die Dogmatiker unter den Theologen einen Dienst erwiesen. Über Jahrzehnte ging dieser Streit weiter und noch 1620 strich die Katholische Kirche das Werk nur unter der Bedingung aus dem Index der verbotenen Bücher, dass

„zwölf Korrekturen an dem Werk [erfolgen], in dem Sinne, dass der Hypothesencharakter der Theorie betont wurde. Wenn diese Korrekturen gemacht wurden, war die Verwendung des Werkes aber weiterhin erlaubt.“ (wikipedia)

Die kopernikanische Wende bestimmte durch diese innere „Unschärfe“ in Bezug auf das, was wahr sein durfte, das 16. Jahrhundert und die Jahrhunderte, die ihm folgten. Alt und neu waren niemals klar zu trennen. Und das Neue kam auch nie plötzlich und auf einen Schlag.

Die Geschichte der Orden in der katholischen Kirche und das gesamte 15. Jahrhundert war bereits angefüllt mit „Reformationen“, und immer ging es um die schmale Grenze zwischen Be­feh­detem, was nolens volens zu dulden, und einem Ketzertum, das ohne Umschweife auf den Scheiterhaufen zu stellen sei. Reformation meinte zunächst nur eine Rückkehr zu alten Regeln. Das galt auch für die Lutheraner. In der Geschichte suchten sie ja gerade deshalb vor dem Rom der Päpste eine frühchristliche Tradition, die sie wiederbeleben wollten. Es ging darum, zu beweisen, dass die geltende Wahrheit das Produkt von Unmoral, Betrug und Verräterei sei. Hierfür suchte man Wahrheitszeugen.

Es ging also auch in der Theologie um „Wahrheit“, aber – im Gegensatz zur aufstrebenden Wissenschaft – um eine Wahrheit, die ihre Gewissheiten weiterhin in der Logik und im Glauben, also auf scholastischen Grundlagen und auf „Heilsgewissheiten“ begründet.

Wie viele Worte, die wir heute verwenden, bekamen die Worte Revolution und Reformation erst im 18. und 19. Jahrhundert ihre heutige Bedeutung. Erst die Systemphilosophie und der Historismus lösten endgültig die Fesseln der theozentrischen Weltbildnerei. Die große Umwälzung, die sich anbahnte, wurde im 16. Jahrhundert nur spürbar als Verunsicherung und als Unruhe, die ohne Gewalt nicht mehr zu verdrängen war. Die Anthropozentrik verwirklichte sich zunächst nur im „Individualismus“, mit dem die Masse der Menschen sich selbst, sprich: den wirklichen Menschen und die wirklichen Dinge und die eigenen Gefühle, Sinne und Gedanken, sprich: die Gegenwart, ins Zentrum stellte. Der eigene Geist der Menschen stellte sich gewissermaßen über die Körper. Das Objek konfrontierte sich mit sich selbst und seinesgleichen als Subjekt. Das Geschöpf entdeckte in sich den Schöpfer.

Die historische Dimension dieser „Mentalitätsänderung“ und dieses Perspektivwechsels wurde von den Zeitgenossen in ihren wirklichen Konsequenzen kaum bemerkt. Man spielte, ohne es zu wissen, ein subversives Spiel, indem man Altes mit Älterem austauschen und das „Verfälschte“ in seinem „Ursprung“ auflösen, indem man das Falsche durch das Richtige aus der „Entfremdung“ „erlösen“ wollte. Das Neue war eine Unruhe in Gedanken, die alles andere als neu sein wollten, sie wollten eher die „ältesten“ – und als solche die „wahrsten“ werden. Se strebten zurück zum Ursprung im Guten (in Gott) und wollten der Welt der Gegenwart entfliehen.

Eine jener beunruhigten und unruhigen Seelen, die auf ihren eigensten Gebiet das Ursprüngliche als das Wahre und Absolute suchten, wohnte in Martin Luther. Von ihm ging – dank seiner Thesen gegen den Ablass – (eher ungewollt und unbeabsichtigt) eine ganz neue Reformation aus. Die Klosterleitungen spürten überall Auswirkungen seiner Schriften. Immer mehr Kleriker, die um Glaubenswahrheit und seelsorgerliche Aufrichtigkeit rangen, verließen ihre Konvente. 1523 begann eine regelrechte Flucht aus den Klöstern und Abteien. 1529 fand man bei den Franziskanern am Breiten Weg in Magdeburg gerade noch fünf Brüder.

32 Jahre zuvor, 1497, im Jahr der „magna concordia“, besuchte Martin Luther die frisch gegründete Schule der „Brüder vom gemeinsamen Leben“ in Magdeburg. Der Unterricht entsprach nicht den Erwartungen des 14-jährigen und er setzte seine Ausbildung in Erfurt fort. 1505 – er begann gerade das vom Vater gewünschte Jurastudium – hätte ihn fast ein Blitz erschlagen und – noch einmal mit dem Leben davon gekommen – ging der spätere Reformator zu den Augustinern ins Kloster. Dort setzte er seine Laufbahn auf einem anderen Gebiet fort.

1507 zum Priester geweiht, übernahm er 25-jährig die Lektur für Moral­philosophie an der Wittenberger Universität und hielt Vorlesungen über die Ethik des Aristoteles. Parallel dazu stürzte der junge Priester sich ins Theologiestudium. 1512 erhielt er die Bibelprofessur. 1514 findet man den Subprior und Leiter des Generalstudiums fast täglich als Prediger in der Kloster- und Stadtkirche. 1515 unterstehen ihm als Distriktdiakon 15 Klöster, darunter die Magdeburger Augustiner.

Luthers betonte in seinem akademischen Unterricht – neben der bisher vorherrschenden scholastischen Philosophie und Logik – das Bibelstudium. Ihm genügte nicht mehr, was in den „Artistenfakultäten“ gepaukt und auswendig gelernt wurde. Das fest gefügte Gebäude der sieben Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik als Trivium, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik als Quadrivium) war ihm zu eng geworden. Die heiligen Schriften sollten unvermittelt wirken, sie sollten im Original gelesen und besprochen werden. Hier verband sich der Humanismus des Philipp Melanchthon mit dem theologischen Reformwillen Luthers, was besonders deutlich wurde in der Einbindung des Griechischen und des Hebräischen.

Es gelang, Studenten für diese Art der Bibellektüre zu begeistern. Denn der junge Professor verband ein großes Wissen mit tiefer Religiosität. Dass Luther dennoch kein Eiferer und Gegner der alten Bildung war, zeigt die Intensität der Zusammenarbeit mit dem Humanisten Melanchthon, der ihm den Zugang zum griechischen Bibeltext öffnete. Es war wohl eher ein Zufall, dass der Wunsch nach einer akademischen Disputation über Ablasspraktiken, die ein gelehrter Mönch, ein Professor und Prediger aus Wittenberg anstoßen wollte, in wenigen Jahren Welt und Kirche von Grund auf veränderte. Das geschah , weil ein einzelner Mensch allgemeine Überzeugungen offen und deutlich aussprach.

Auf eine ganz andere Weise als bei Kopernikus war auch hier die Veränderung in der persönlichen Haltung „den Dingen gegenüber“ entscheidend. So wenig wie die Sterne unmittelbar greifbar waren, so wenig konnte man auch Luthers „Gegenstand“ – also Gott selbst – einfach beschreiben und erfassen. Dennoch ging es um das Verhältnis zwischen zwei „Dingen“: zwischen Mensch und Gott. Die Veränderung, die Luther in diesem Verhältnis auslöste, betraf auch den Blick auf sich selbst. In ihm wirkte ein Wahrheitsanspruch, der direkt im persönlichen Leben der Menschen wurzelte. Die Beziehung zu Gott wurde zu einer persön­lichen Angelegenheit ganz ohne Priester und Kirche.

Luther kam also in sich selbst in Konflikt mit einer Kirche, die im Namen Gottes mit Kirchen­ämtern handelte und ihren Schäflein für gutes Geld alle Sünden großzügig erließ, die damit etwas tat, was sie als Glaubensinstitution gar nicht hätte tun dürfen. Der Verweis auf diesen Tatbestand verschärfte die mühsam verdeckten Widersprüche in der theologischen Legitimation der päpstlichen „Weltkirche“. Es zeigte sich, dass das Monopol auf Interpretation des göttlichen Willens für die Kirche unverzichtbar war. Es war vielmehr die tragende „Geschäftsgrundlage“. Der Stoff der kirchlichen „Währung“ war ihr Unfehlbarkeitsanspruch. Der kirchlichen Führungsschicht – von den Äbten bis zu den Päpsten – ging es zudem – wie den weltlichen Fürsten – auch um ein wirtschaft­liches Monopol, in dem der Hirte die Seelen der Gläubigen wie einen Acker bewirtschaftete. Gott war bei all diesen Geschäften zwar de nomine präsent, hatte auf Erden de facto aber „legitime“ Vertreter, die aus seiner Abwesenheit ihr Existenzrecht ableiteten.

Im Mittelalter war diese Legitimation des Klerus zwar immer umstritten, aber dennoch durch und durch „normal“. Die Materie war ja nur der Inhalt, dem der göttliche Formgeber Gestalt und Existenz, also eine lebendige Form „einhauchte“. In diesem Spiel von „Inhalt und Form“ waren die Teufel und die Geister immer präsent. Nichts war wirklich fest und alles war jederzeit möglich. Verfolgt von diesen Engeln und Teufeln, fürchte im Mittelalter jeder seinen Gott und tat, was möglich war, um sich auf die Ewigkeit und das Jüngste Gericht vorzuberei­ten.

So richtete Heinrich Alemann für sich ein Messstipendium an der Johanniskirche ein. Wo aber sollte man sich versichern, dass diese Anstrengungen auch wirkten, wenn nicht bei den Priestern und ihren Riten und Regeln. Und deren Kirche behauptete, dass die letztgültige Wahrheit allein in „Gottes Wort“ zu finden sei. Das Wort Gottes war aber zweierlei: das Wort der Bibel und das Wort des Papstes. Der Papst war aber ganz eindeutig ein Mensch. so blieb nur noch die Bibel. Luther nahm diesen Wahrheitsanspruch der Heiligen Schrift wörtlich. Doch den Fortgang der Reformation bestimmten nicht die Dogmatiker, sondern der „gesunde Menschenverstand“ in der Bevölkerung.

Intellektuelle mögen über Wahrheiten streiten, die schlichten Geister sehen in Wahrheiten einfache Dinge, die so sind, wie sie sind: brauchbar oder unbrauchbar, richtig oder falsch, feststehend oder fraglich. Sie suchen auch einfache Wege zu einem Gott, der wahrhaftig – wenn auch nur als eine mögliche Wirklichkeit – existiert. Das alte Weltbild von Gottvater, seinem Sohn, Maria und all den anderen himmlischen Fürsprechern wurde durch den Protestantismus infrage gestellt und diskreditiert. Der neue, „richtige“ Glaube stellte das Individuum unmittelbar in Bezug zu Gott, er konnte aber (dank des „gesunden Menschenverstandes“) den alten Aberglauben aber nicht abschaffen und im Kampf gegen ihn traten immer mehr die Hexen an die Stelle der Ketzer. Menschen, die sich jetzt Gott unmittelbar verbunden fühlten, jagten nicht mehr die Ketzer, sondern die „Teufel“. Es ging um den Kampf gegen den Missbrauch der individuellen Beziehung der Menschen zu Gott und zum Göttlichen, zur „Wahrheit“. Die Scheiterhaufen überlebten auf diese Weise die Reformation und es könnten mehr Hexen als Ketzer verbrannt worden sein!

Porträt Papst Leo X. mit den Kardinälen Giulio de Medici, dem späteren Clemens VII. und Luigi de Rossi, Gemälde von Raffael, um 1518–1519, Florenz, Uffizien

Der Kampf gegen den Ablass und die Reformation

Der Anstoss zur protestantischen Reformation gab 1517 eine Entscheidung in Rom. Die Stadt sollte modernisiert werden. Das Stadtbild, das im Vergleich mit den mächtigen und prachtvollen italienischen Handels­städten wenig spektakulär war, sollte endlich die Autorität und den Machtanspruch der Päpste angemessen widerspiegeln. Dazu gehörte insbesondere der Neubau des Petersdoms. Schon 1452 ordnete Nikolaus V. den Abriss der alten Peters­kirche an. 1506 beauftragte Julius II. den Dombau unter der Leitung von Donato Bramante, 514 erteilte beauftragte Leo X. Raffael Santi (1483-1520). 1547 übernahm dann Michelangelo Buonarroti (1475-1564) die Bauleitung.

Die Stadterneuerung und der Dombau verschlangen riesige Geldmittel. Zum Ein­sam­meln der benötigten Gelder schickte Leo X. seine Ablass­pre­diger in die Welt, auch nach Deutschland. Der Papst, Mitglied einer der bedeutendsten Handels- und Bankiersfamilien Italiens, hoffte, das Ergebnis in Deutschland zu verbessern, indem er sich den Ertrag mit dem ehrgeizigen Magdeburger Erzbischof Albrecht von Brandenburg (1490-1545) je zur Hälfte teilte.

Albrecht von Brandenburg, Gemälde von Lucas Cranach d. Ä.

Der Brandenburger hatte – gegen alle Regeln – beim Papst gerade das Erzbistum Mainz zum Magdeburger und Halberstadter Episkopat hinzugekauft. Mainz war neben Köln das wichtigste Erzbistum. Schon als Knabe war Albrecht Domherr in Mainz und hatte so – obwohl an der Spree geboren – eine Beziehung zum Rhein. Er machte aber die Moritzburg in Halle an der Saale zu seiner Hauptresidenz .

Als guter Kaufmann sorgte sich der Florentiner Bankier auf dem Stuhl Petri um die Zahlungsfähigkeit seines siebenundzwanzigjährigen „Klienten“. Er brachte die Augsburger Fugger ins Spiel. Hatten diese doch Albrecht die Mittel zum Kauf der Mainzer Kurwürde geliehen. Die Fugger übernahmen gegen eine gute Eigenbeteiligung die Abwicklung des Ablasses in den nördlichen Ländern Europas und die Hälfte der Einnahmen in den Erzstiften Magdeburg, Halberstadt und Mainz konnte Albrecht von Brandenburg dank dieser Vereinbarung zur Ablösung seiner Schulden bei den Fuggern verwenden. Sein Interesse an einem guten Ertrag beim Ablassgeschäft war daher immens. Die Ablasskampagne wurde entsprechend aggressiv betrieben und sie erregte dadurch um so mehr Luthers Zorn, denn Gottes Gnade und Gerechtigkeit – so dessen Überzeugung – waren nicht käuflich, sondern ein Geschenk, das derSünder erhoffen, aber nie einfordern durfte. Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Luther seine folgenreichen Thesen.

Luthers 95 Thesen (Martin Luther, Dissputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum, Wittenberg: Melchior Lotter d.J., 1522)

Hier ein Auszug aus der „Disputation zur Erläuterung der Kraft des Ablasses“:

„…
21. Deshalb irren alle Ablassprediger, die sagen, durch den Ablass des Papstes werde der Mensch frei von aller Strafe und selig. …
24. Unvermeidlich wird deshalb der größte Teil des Volkes betrogen durch jenes in Bausch und Bogen gegebene, prahlerische Versprechen des Strafnachlasses. …
36. Jeder Christ, der wahre Reue empfindet, hat vollkommenen Nachlass von Strafe und Schuld, auch ohne Ablassbriefe.
37. Jeder wahre Christ, ob lebend oder tot, hat Anteil an allen Gütern Christi und der Kirche; Gott gewährt ihm dies auch ohne Ablassbrief.“
(Ausgewählte Schriften, Bd. 1, S. 26 ff)

An den Akademien war ein Thesenanschlag nichts Außergewöhn­liches. Die Aufforderung zur öffentlichen Disputation gehörte zum Alltag der Univer­sität. Doch direkt an der Tür der Schlosskirche war das Anbringen eines Thesenpapiers, das der Distriktdiakon selbst verfasst hatte, sicher etwas Besonderes. Heute wird allerdings von vielen vermutet, dass die Geschichte mit dem Annageln der Thesen die Frucht nachträglicher Dramatisierung ist.

Immerhin waren die rabiaten Vertriebsmethoden in Wittenberg so umstritten, dass der rührige Ablassverkäufer Tetzel die Stadt nicht betreten durfte. Dennoch gelang es ihm Bürger herauszulocken und außerhalb der Stadt zu schröpfen. In Magdeburg trat Tetzel erfolgreicher auf.

Luther war nicht nur Bibelprofessor und Distriktdiakon, er war vor allem Prediger. Er widersprach der Politik von Papst und Erzbischof als Priester und Seelsorger. Er verärgerte damit aber nicht nur Papst und Kaiser, sondern auch seinen Erzbischof und die Fugger. Zwei Bedienstete des Augsburger Bankhauses gehörten zu Tetzels ständigen Begleitern und Kritik am Ablasshandel war nicht nur aus deren Sicht geschäftsschädigend. Luthers Thesen wirkten so wie Sprengstoff. Plötzlich stand der Seelsorger Luther mitten im Fokus der großen Politik. Niemand an der Universität meldete sich, um zu disputieren. Dafür sorgten umso mehr Menschen für die Verwandlung der Thesen in eine Kampfschrift. Als Flugschrift verbrei­teten sich sch dank der Drucker­presse mit rasender Geschwin­dig­keit in ganz Deutschland. Sie fanden ein enormes Echo. Die Akteure der großen Politik mussten reagieren.

1518 hatten die Verteidiger der Ablasspolitik Erfolg mit einer Ketzerklage beim Papst . Der Prozess wurde nicht sofort durchgezogen, erst 1521 stand der Wittenberger Prediger in Worms vor dem Gericht von Kaiser und Papst.

In diesen drei Jahren dachte er durchaus an das Schicksal von Jan Hus, an jenen Reformator, der vom Konstanzer Konzil auf den Scheiterhaufen gestellt wurde. Aber der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise konnte und wollte seinen berühmten Professor schützen. Und er war nicht der einzige Fürst, der mit Luthers Ideen sympathisierte. Das verbesserte Luthers Lage im Vergleich zu Hus.

Nach dem Tod von Kaiser Maximilian (12. Januar 1519) bekam Kurfürst Friedrich eine Schlüsselrolle. Bei der Kaiserkür hatte keiner der Kandidaten eine Mehrheit im Kurfürstenkolleg und es gab heftige Rivalitäten. Der Habsbur­ger Karl, der englische König Heinrich VIII. und der französische König Franz I. stritten um die Gunst des Wahlgremiums. Große Beträge flossen in die Taschen der Kurfürsten. 852.000 Gul­den soll sich Karl V. geliehen haben, um die Kurfür­sten auf seine Seite zu ziehen, das davon bei den Fuggern.

Im Hintergrund versuchte der Papst, die Wahl des Habsburgers zu verhindern, da dieser in Spanien und Italien ein Gegengewicht gegen die Abitionen des Kirchenfürsten bildete. Leo X. brachte daher Friedrich den Weisen, Luthers Schutzherren, als Kompromisskandidaten ins Spiel. Dieser hätte Chancen gehabt, lehnte aber ab. Nach der Wahl von Karl V. (am 28. 6. 1519) nahmen die Dinge ihren Lauf.

Am 15. 1. 1520 schleuderte der Papst seine Bannbulle gegen Luther und forder­te, dessen Bücher überall zu verbrennen. Innerhalb von 60 Tagen sollte der Wit­tenberger seine inkriminierten Thesen widerrufen. Als dieser aber die Bulle des Papstes öffentlich ver­brann­te, war der Bruch mit der Kirche endgültig. Nach dem Reichstag in Worms und der kaiserlichen Acht brachte Fried­rich der Weise seinen Schützling in aller Heimlichkeit auf der Wartburg in Sicherheit. Dort übersetzte der Geächtete und Gebannte in erzwungener Ruhe das Neue Testament ins Deutsche.

Die harsche Entscheidung der „große Politik“ brachte die Welt der „kleinen Politik“ erst richtig in Wallung. Auch ohne Luthers öffentlichen Auftritt wirkten seine Schriften weiter. Denn er war ja in den Jahren zuvor (1517 bis 1521) nicht untätig, er vertei­dig­te in öffentlichen Disputationen seine Thesen und gab zu allen strittigen Fragen Schrift um Schrift in Druck. Das, was ihn seit Beginn seiner Bibelstudien im Innersten bewegte, entfaltete er in diesen Texten  zu einem „Glaubenssystem“. Die theologische Entdeckung besteht nach seinen Worten darin, dass „Gottes Gerechtigkeit offenbart wird in dem was geschrieben steht: der Gerechte wird aus Glauben leben“ (Lilje, S. 67; Exempla historia, Bd. 25). Dieses „sola fide“ und „sola gratia“ wurden zu Kerngedanken einer neuen Konfession.

Schematische Darstellung zu Luthers Rechtfertigungslehre, modifiziert nach: Peter Blickle: Die Reformation im Reich. Stuttgart 1992, S. 44 (wikipedia)

Diese Neuinterpretation dessen, was Gottes Gerechtigkeit sei, erklärt auch die Energie, mit der Luther in kurzer Zeit viele seiner wichtig­sten Schriften veröffentlichte, Schriften, die nach 1521 in den Jahren seiner „Abwesenheit“ überall sozia­le Bewegungen erzeugten, die die religiös gemeinte Botschaft politisierten. Andreas Karlstadt und Thomas Müntzer waren die bekanntesten unter deren, die die politische Dynamik aufnahmen und förderten.

Nicht wenige Mönche verließen die Klöster. In Magdeburg und andernorts flohen die reformatorischen Prediger aus der Enge der Klosterklausen. Die neue reformatorische Bewegung ergriff zunächst die Städte und mobilisierte dort vorallem die Armen. Dann verbreitete sie sich über das flache Land, wo die Leibeigenschaft vorherrschte. Die Armen in den Städte kamen ja meist aus den Dörfern, sie hatten oft noch Beziehungen zu ihren „Wurzeln“. Kamen sie doch selbst (oder ihre Vorfahren) als Flüchtlinge in der Stadt. „Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag“, so hieß der Rechtsgrundsatz. Ein Jahr offiziell in der Stadt, das beendete die Leibeigenschaft. So entstand in Stadt und Land eine soziale Bewegung, die alle Herrschaftsstrukturen in der feudalen, aber auch in der bürgerlichen Welt infrage stellte.

In Wittenberg riefen daher Rat und Landesherr Luther zur Hilfe. Dieser verließ die Wartburg und stemmte sich gegen die Politisierung seiner Ideen. Doch ab 1525 flammten im ganzen Reich die Bauernkriege auf und es bildeten sich Bauernbünde mit einem eigenen politischen Programm. Die 12 Thesen des Kirschnergesellen Sebastian Lotzer aus Memmingen – dem bedeutensten Programm der Bauernverbände – wiederholten (neben der neuen Forderung nach freier Wahl des Pfarrers) das alte Begehren, Zehntpflicht und Leibeigenschaft aufzuheben, Wald und Flur ungehindert bejagen und nutzen zu dürfen, sowie von Frondiensten und Abgaben befreit zu werden (Luther, a.a.O. S. 100).

Luthers Kritik an den 12 Thesen verhallte zunächst ungehört. Daher verschärfte des Reformator seinen Ton und veröffentlichte seine umstrittenste Schrift unter dem Titel: „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der andern Bauern“. Er enttäuschte Bauernbewegung, die sich ja gerade auf ihn berufen wollte, zutiefst und bereitete – gewollt oder ungewollt – den Boden vor für jenes Bündnis der regionalen Gewalten, das Deutschland bis ins 18. Jahrhundert beherrschen sollte, ein Regime, das noch heute in Gestalt der Kirchen­steuer nach­wirkt.

Spätestens mit dem Westfälischen Frieden 1648 galt der Rechtsgrund­satz „cuius regio, eius religio“ (das Volk hat das Bekenntnis des Fürsten anzu­neh­men). Dieses Bündnis des neuen Glaubensbekenntnisses mit den Fürsten hat die deutsche Geschichte nachhaltig geprägt und die Entwicklung eines starken Nationalstaates, der sich auf das Volk und die Nation beruft, mehr behindert als gefördert. Erste Bauernparlamente hätten leicht Verbündete in den Städten gefunden und der (keineswegs linke) Historiker Walther Peter Fuchs beschreibt die damalige Lage nüchtern so:

„Nirgends hatten utopisch schwärmerische Ideen die Oberhand gewonnen. Möglichkeiten vertraglicher Einigung zur Neugestaltung des bäuerlichen Lebens unter Einschluß von Bürgertum und Adel aufgrund gemäßigter Forderungen zeichneten sich ab.“ (dtv Handbuch dtsch. Gesch. Bd 8, S. 120).

Doch die wirklich zustande gekommenen Verträge zwischen Bauern­regie­run­gen und Fürsten waren nur Tarnung für Vorbereitungen zur Nie­der­­schlagung aller Aufstände.

Auch in Magdeburg und um die Stadt herum brachen die sozialen Konflikte offen in aller Härte aus. Im Februar 1525 forderte die „gemeine Bürgerschaft“, ihre Vertreter im Rat selbst wählen zu können. Den offenen Aufruhr konnte der Bürgermeister Sturm mit Mühe durch Zugeständ­nisse verhindern, die allerdings – wie bei den Bauern – schon im nächsten Jahr zurückge­schraubt wurden.

Außerhalb der Stadt sammelten sich die Truppen der Fürsten zur Nieder­schla­gung der Bauernaufstände. Auch der Rat stellte Soldaten, Geld und Kriegs­material. Die Stadträte beharrten auf der Verteidigung der Privilegien und Monopole, die sie von den Fürsten erhalten hatten und die sie erneuert und gesichert wissen wollten. Das patrizische Bürgertum war zudem auch in das Lehnswesen eingebunden und die Motive der einfachen Bürger, Bediensteten, Tagelöhner, kleinen Händler und Gewerbetreibenden waren den meisten Patriziern wohl ebenso fremd wie die Motive „ihrer“ Bauern den meisten Adelsherren.

Neben dem Lehnswesen war auch das Zunftwesen eine starke Fessel, da klar war, dass die aufständischen Armen als allererstes – wie auf dem Lande die Leibeigenschaft und die Fronarbeit – das Regime in den Innungen und den Räten verändern würden. Der Weg der Reformation hatte so eine politische Richtung bekommen. Die Stadtoberhäupter waren zu eng mit Adel und Fürsten verbandelt, um die Chancen zu erkennen, die eine Generalisierung der liberalen Tendenzen des Stadtrechts in Bezug auf das Staatsrecht für alle gebracht hätte. Erst die Aufklärung machte das Naturrecht und den Konstitutionalismus zur Kernforderung der politischen Bewegungen des Bürgertums.

Magdeburg stand damals nicht im Zentrum der Bewegung. Aber es lag nahe bei Wittenberg. Gerade im norddeutschen Raum hatte die Stadt, in der die fünf große Innungen, also die reichen Handwerker und Kaufleute, seit fast zwei Jahrhunderten den Rat beherrschten, eine besondere Anziehungskraft.

Sie war eine der wenigen großen Städte Deutschlands, die neben großem Reichtum auch umfassende Kontrolle über die Stadtmauern hatte. Und eine solche Stadt musste all jenen als geeignete Flucht­burg erscheinen, die aus den klöster­lichen Sicherheiten heraus ins unge­sicherte offene Leben hineingetrieben wurden. Die Elbestadt wurde zum Sammelpunkt einer bunten, aber hochkarätigen Mischung von Klosterflüchtlingen und Predigern.

Johann Fritzhans und die Reformation in Magdeburg

Hinter dem Vorhang religiöser, dogmatischer und liturgischer Fragestellungen diskutierten diese das Men­schen­bild einer neuen Zeit. Sie diskutierten oft heftig und verbissen. Insbesondere die Teilhabe der Gemeinde am Abendmahl war umstritten. Auch um den Charakter dieser Veranstaltung und die Symbolik von Brot und Wein wurde in heftigster Polemik gerungen: Ist das Brot wirklich der Leib Christi und der Wein dessen Blut? Verschiedene Meinungen über die Bedeu­tung der Taufe konnten persönliche Freundschaften beenden und unter den Flüchtlingen heftige Intrigen und Kämpfe auslösen. Manche der Magde­burger Reformatoren feierten im Abendmahl nur ein Essen, das die Ge­meinsamkeit fördert, und vielerorts fand man „Wiedertäufer“, die am Sinn der Kindstaufe zweifelten und diese im Er­wach­­senen­alter wie­der­holen wollten.

Aus dieser Diskussion entstand ein Drang zur Wahrheitssuche und diese verwirklichte sich in einem schnell wachsenden Interesse an ge­schichtlichen Entwicklungen, die im Idealfall beweisen sollten, dass die verkündete Wahrheit der Römischen Kirche sich in der frühen Geschichte des Christentums zu Unrecht oder gar mit Gewalt gegen die ursprüngliche, gegen die „richtige“ Position durchgesetzt habe. Auch hinter Luthers Lebensentscheidungen stand ja die Entdeckung, dass viele Dogmen erst in jüngerer Zeit entstanden und dass sich die Institution des Papstes insgesamt nicht aus der Bibel begründen ließ.

In Magdeburg wurde insbesondere Johannes Fritzhans bekannt. Aus Leipzig, wo er noch 1520 den katholi­schen Glauben energisch verteidigte, kam er zurück in seine Geburtsstadt Magdeburg und trat ins Franziskanerkloster ein. Aber die Lektüre der Schriften Luthers hatte auch beim Franzis­ka­ner Fritzhans gewirkt. Er wurde zum entschlos­senen Verteidiger des Reforma­tors stieß aber im Kloster auf starken Widerstand.

Das war nicht in allen Klöstern so. Schon 1522 hatten die lutherischen Lehren das Augustinerkoster erfasst, nur wenige 100 Meter entfernt an der Elbe. Vom Franziskanerkloster aus ging man vorbei an der Katharinenkirche über die Tischlerkrug- und die Vogelgreifstrasse. Johannes Voigt-Eisleben und Melchior Mirisch waren dort die entschiedensten Anhänger der Reformation. In der Petrikirche neben dem Augustiner­kloster begannen Markus Schulte und Johann Detenhagen mit der neuen Form des Gottesdienstes (Asmus S.433). Die Augustinermönche kannten Luther noch aus seiner Zeit als Distriktdiakon, da dieser das Kloster seinerzeit persönlich visitierte.

Bei den Franziskanern bekämpfte der Abt weiter die neuen Lehren und für Fritzhans wurde die Lage unerträg­lich. 1523 erhielt er ein Predigtverbot und man sperrte ihn in seine Zelle. 1523 erhielt er Predigtverbot und trat wie Luthers den Beschuldigungen mit dem Ar­gument entgegen, er werde nur gehorchen, wenn man ihn aus der Heiligen Schrift wiederlege. Doch es fand sich niemand, der sich darauf einließ. So flocht sich Fritzhans aus der zerschnittenen Kutte einen Strick und „seilte“ sich durch das Fenster ab, um auf der anderen Seite des Breiten Weges bei Ludwig Alemann Schutz zu suchen. So schildert es ein Drama zum 100jährigen Jubiläum der Lutherpredigt (Carsten Nahrendorf, Magdeburgs Reformation auf der Bühne des Gymnasiums – das Jubiläumsdrama „Eusebia Magdeburgensis“ von Johannes Blochius, in: Reformation und Magdeburg, Teil 2, S. 231).

Ausschnitt aus dem Robolskyplan von 1826, mit Bildern aus einem Buch zu den Hauszeichen von Güner Hammerschmidt, Magdeburg 2004; rote Einzeichnung des Weges von Johann Fritzhans vom AutorLudwig Alemann war damals möglicherweise Schult­heiß. Hertels Liste bestä­tigt dies zwar nicht. Ich berufe mich daher nur auf die genealogischen Unter­lagen. Ludwig Alemann hätte andernfalls 1523 kein Amt mehr gehabt, da er als Bürgermeister spätestens 1522 aus dem oberalten Rat ausgeschie­den sein müsste.

Gleich, welche Funktion der Schutzgeber von Johannes Fritzhans damals hatte, der Rat insgesamt war beileibe nicht Feuer und Flamme für die neuen Form von Gottes­dienst und Gemeindeleben. Noch 1521 suchten die Bürger­mei­ster Sturm und Sülte den Erzbischof in Halle auf, um ihn zu Maßnahmen gegen die neuen Prediger zu bewegen. 1523 waren sie erneut bei Albrecht, um sich für ihre unruhigen und kämpferischen Bürger zu entschul­digen.

Wenn Ludwig also 1523 Fritzhans aufnahm, entsprach das nicht unbedingt der vorherrschenden Ratspolitik. Vielleicht hoffte man aber gemeinsam mit dem Asylgeber in diesem Mönch jemanden zu finden, der zukünftig auf die Entwicklung Sinne im des Rates Einfluss nehmen könnte. Fritzhans ging kurz nach kurzem Aufenthalt in dem Haus von Ludwig Alemann direkt nach Wittenberg, um Luther zu hören. Er kehrte aber schon 1524 zurück, um die Predigerstelle an der Heiliggeistkirche anzunehmen. Denn in der Stadt war die Reformation auf dem Vormarsch.

Viele von den ehemaligen Mönche kamen von außerhalb, so der Probst des Halberstädter Johannisklosters, Dr. Eberhard Weidensee und ein unter dem Namen Grauert bekannt gewordener Mönch, wohl ein begabter Redner, allerdings im Gegensatz zum Probst ohne Priesterweihe. Er propagierte – wie viele junge Prediger – eine Reformation im Geist von Thomas Müntzer und hatte dadurch schnell eine große Anhängerschaft. Damit entzweite er 1524 endgültig die regierenden Bürgermeister: Obwohl der wortführende Bürgermeister Niklaus Sturm (Claus Storm) dem Mönch das Predigen erlaubte, ließ sein Kollege Hans Rubin (Robien) Grauert durch einen Knecht das Predigen verbieten. Doch der nutzte das Verbot und zog mit viel Volks vor die Stadtmauern aufs freie Feld, um dort umso heftiger gegen einen zögerlichen Rat für eine schnelle Durchsetzung der Reformation zu predigen. Trotz aller Widerstände wurde Grauert zum Prediger der Jakobikirche bestellt.

In diesem Viertel lebten insbesondere Handwerker, Tagelöhner und Arme, die oft noch enge Beziehungen zu den Dörfern hatten, aus denen sie kamen. Die Vorwürfe und Aktionen von ihrer Seite häuften sich:

„Es haben auch etzliche Buben vom gemeinen Haufen Thomas Sultzen (dem ältesten der 6 Bürgermeister, DvA) zu schanden und schmach Briefe an funf örter der Altenstadt angeklebt, darinnen sie ihn einen langen Dieb und Stadtvortreter etc. gescholten. Das ist geschehen in der Nacht nach Ausgang Sanct Margarthen tagk.“

Das berichtet der Möllenvogt Langhans (Schöffenchronik 2. Bd. S. 154). Grauerts Predigten – aber auch die zahlreicher anderer Prediger – fielen auf fruchtbaren Boden und sie zeigten Wirkung: der Rat musste nachgeben, er suchte ab 1523 immer deutlicher einen Weg, gemäßigte Lutheraner systema­tisch zu fördern. Dass sie in Fritzhans einen guten Vertreter gefunden hatten, zeigte bald sein beherztes Eingreifen. Am 14. Juli 1524 kam es in der Johanniskirche zu einem Tumult wegen der Ablehnung der Wahl neuer Priester durch den Probst des Klosters Unser Lieben Frauen. Dabei wären einige zu Schaden gekommen

„so solches Fritz Hans nicht hette mit Macht gewehrte, denn er hatte ein Stock in die Hand überkommen und war uff einen Kasten gesprungen, rief und schlug so viel, daß die rumorischen Leute wider besinnet wurden“, woraufhin Fritzhans auf den „Predigtstuel gestiegen sey“. Aus: Die Historia des Möllenvogtes Sebastian Langhans, in: Die Chroniken der niedersächsischen Städte – Magdeburg, 2. Band, S.153, im Detail: Hertel/Hülse, Bd.1, S.354ff)

Die reformierten Stadtviertel begannen sich über die Kirchen­sprengel selbstbewusst einen eigenen Willen zu bilden. Manche weigerten sich schlichtweg, weiter Abgaben für das Domkapitel an den Rat abzuführen. Die Ratsverwaltung wurde als Handlanger des Klerus frontal angegriffen.

In den meisten anderen Kirchen der Altstadt hatte die Reformation sich längst durchgesetzt. Dort praktizierte man beide Formen des Gottesdienstes. Jetzt grif­­fen die Änderungen auch auf das Reichen- und das Regierungsviertel über und damit wuchs der Druck auf die Pfarrer, die an ihren Posten fest­hiel­ten und das Alte verteidigten, enorm. Die Zeit wurde knapp. Der Oberschicht und der Rat konnte nicht länger bei Halbheiten stehen blei­ben, wollten sie die Führung wieder in die Hand bekommen. So rief man Luther zur Vermittlung in die Stadt und führte mit seiner Unterstüt­zung die Reformation in ganz Magdeburg durch. Auf dieser Basis ergriffen auch die reichen Bürger des Sprengels der Ulrich- und Johannis­kirche die Initiative. Sie wählten ebenfalls einen Gemeindeausschuss, der dann Dr. Eberhard Weidensee zum Pfarrer von St. Ulrich bestimmte. Der katholische Pfarrer wurde aufforderte, den neuen Prediger und den neuen Gottesdienst neben sich zuzulassen. Dasselbe pas­sierte in der Johanniskirche, wo Johannes Fritzhans Prediger wurde. 1524-1532 war Fritzhans dann der Pfarrer der Heilig-Geist-Kirche. Zusammen mit Mirisch und Weidensee verfasste er hierfür 18 programmatische Artikel:

Allein Christus sei der Mittler zwischen Gott und den Menschen, Fegefeuer, Papst- und Priestertum seien menschliche Erfindungen. Allein die Heilige Schrift und Gottes Wort sei verbindlich. Das habe die Ordnung der Gemeinde zu bestimmen. (Hertel/Hülse, Bd. 1, S. 360f)

Erklärung der achtzehn Artikel durch di eprediger zu Magdeburg außgange; erklaeret durch Doc: Eberhardum Weidenße und Johann Frizsthans … 1524

Ludwig Alemanns Zeit als regierender Bürgermeister fiel in die Jahre 1505 bis 1520. Außer dem Bericht über die Aufnahme von Fritzhans in seinem Hause ist wenig bekannt. Er stand wohl meist im Hintergrund. Die großen Bürgermeister der Reformationszeit waren Thomas Sülte, Henning und Claus Sturm, Heinrich Westphal, Hans Robin.

Bürgermeister in Ludwig Alemanns Amtszeit

Name Funktion von-bis (3-Jahres-Wechsel)
Thomas Sülze 1. Bürgermeister 1496-1526 30 Jahre
Hanß Aleman 1. Bürgermeister 1498-1507 9 Jahre
Thomas Rode 2. Bürgermeister 1500-1512 12 Jahre
Ludewig Aleman 2. Bürgermeister 1505-1520 15 Jahre
Hanß Robien 1. Bürgermeister 1506-1524 18 Jahre
Heinrich Westphal 1. Bürgermeister 1510-1531 21 Jahre
Thomas Aleman 2. Bürgermeister 1515  3 Jahre
Claus Storm 2. Bürgermeister 1518-1536 18 Jahre
Henning Storm 2. Bürgermeister 1498-1523 25 Jahre

Ludwig Alemann und Thomas Sülte waren in der ganzen Zeit ein festes Paar. Sülte war der ältere mit mehr Amtserfahrung. 30 Jahre (1496 bis 1526) war er im Amt, doppelt so lange wie Ludwig Alemann. In den Quellen erscheint ausnahmslos Sülte,

so 1518 zusammen mit Claus Strom und Heinrich Westphal, die mit 96 Pferden dem frisch geweihten Kardinal Albrecht – zugleich Erzkanzler des Kaisers – vor den Stadttoren empfingen,

oder 1521 gemeinsam mit Nicolaus Sturm, wo er am Hof des Erzbischofs das Verbot des Verkauf lutherischer Bücher forderte,

oder 1523 zusammen mit Hennig und Nikolaus Sturm sowie die Kämmerer Jakob Gericke in Halle, als die Bürgermeister um Nachsicht baten, da der Rat „dem Treiben der Menge keinen Einhalt mehr thun“ könne, und so weiter bis 1524.

In diesen Dokumenten erkennt man auch sehr gut die Zusammenarbeit der drei Räte, von denen jeweils einer die Geschäfte führte, während „ruhten“ aber nie ganz untätig blieben. Bei Verträgen und Verhandlungen wurden sie hinzuge­zo­gen, so wie 1521 bei regierenden Bürgermeister Storm, die „ruhenden“ Amtsinhaber Sülte und Westphal. Die drei waren damals 1. Bürger­mei­ster im Regierenden, Alten oder Oberalten Rat. Sülte gehörte schon zu denen, die „concordia magna“, den Vertrag von 1497 mit dem Erzbischof Ernst von Sachsen aushandelten. 1513 starb dieser Erz­bischof. Sein Grabmal schmückt die Marienkapelle im Dom. Ihm folgte als Erzbischof der jüngste Sohn des Kurfürsten Johann Cicero von Brandenburg. Kurfürst Cicero hatte ehrgeizigen Pläne. Er positioniert all seine Söhne in den Machtzentren des Reiches. Wie oben schon berichtet, genügte seinem Jüngsten, Albrecht von Brandenburg, – 1508 mit 18 Jahren schon Domherr in Mainz – das Magde­burger Amt nicht. Denn am 9. März 1514 kaufte er sich für 30.000 Gulden das Mainzer Erzstift hinzu. 21.000 Gulden liehen ihm die Fugger. Zur Deckung der Schulden genehmigte der Medici-Papst Leo X. dem jungen Kirchenfürsten jenen gigan­tischen Ablass, der zum Auslöser von Reformation und Gegenreformation wurde.

Der 23-jährige Doppel-Erzbischof Albrecht war ein Kind seiner Zeit, gebildet und weltoffen, er stand in Kontakt mit Erasmus von Rotterdam und den Huma­nisten. Er wurde Erzkanzler des Kaisers und residierte in Mainz. Wenn er in Sachsen weilte, wohnte er in der Moritzburg in Halle. Nach Magdeburg kam er selten. Von zwei Besuchen wird berichtet, 1514 von der Huldigung des Erzbischofs durch Rat und Bürgerschaft Magdeburgs und 1518von dem Empfang des frisch ernannten Kardinals Albrecht durch Rat und Schöffen. Vor Ort vertrat ihn das Domkapitel, das ohne direkte Weisungen oft lokale Interessen in den Vordergrund stellte. So musste der Rat immer wie­der direkt Kontakt zum Erzbischof suchen. Viele der Entscheidun­gen dieses Kirchen­für­sten sind eher moderat und er war bestimmt kein militanter Vertreter der ka­tho­lischen Partei. So verglich er sich in fast allen Fragen mit dem Rat der pro­testantischen Stadt. In der entscheidenden Phase der Jahre 1523-1525 Thomas Sülte, Hans Robin, Henning und Claus Storm sowie Heinrich Westphal führten im Rat der Altstadt das Wort. Ludwig Alemann lebte nach seinem Ausscheiden aus dem Rat noch bis 1543, nach einigen Quellen als Schultheiß.

In diesen Jahren überschlugen sich die Ereignisse, bis schließlich – nach dem Schmalkaldischen Krieg – 1550/51 der protestantische Fürst Moritz von Sachsen im Namen Karl V. die geächtete Stadt belagerte. In dieser Zeit spielen Alemann-Bürgermeister wieder eine größere Rolle: insbesondere Heine Alemann (1494-1554) Hans Alemann (1491-1568) und die beiden Ebeling Alemann (1483-1552/1515-1573). Von Ludwig Alemann ist zu wenig bekannt, um an Hand seiner Person die politischen Ereignisse weiter verfolgen. Immerhin gibt es aber in der Stadt eine Erinnerungszeichen: seinen Epitaph, der jetzt vor der Wallonerkirche steht.

Den unteren Teil schmückt das groß ausgearbeitete Alemannwappen mit einer schwungvollen, ausladend dimensionierten Helmzier, darüber in großen Lettern – auf dem Foto teilweise schwer lesbar – folgender Text:

„Anno domini 1543 & am Dinstage nach Nicolai des morgens zwischen [… u]nd 6 schlegen ist der erbar Lodwich Alman de older seliger in got verstorben und war [75] Jahr [aus] Gots Gnaden der [::::en] Amen“